Reizdarm und Histamin: Warum der DAO-Test oft nicht die ganze Ursache erklärt
Warum Ernährung allein oft nicht die Ursache ist
Viele Menschen mit Darmbeschwerden kennen diesen Weg.
Zuerst treten die Symptome nur gelegentlich auf. Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall oder ein unangenehmes Druckgefühl nach dem Essen.
Mit der Zeit werden die Beschwerden häufiger. Schließlich folgt der Termin beim Gastroenterologen. Zur Abklärung werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt, häufig auch eine Darmspiegelung.
Das Ergebnis lautet dann oft:
„Die Untersuchung ist unauffällig.“
Organische Erkrankungen wurden ausgeschlossen. Medizinisch ist das eine wichtige Nachricht. Für viele Betroffene beginnt damit jedoch erst die eigentliche Suche nach der Ursache, denn die Beschwerden bleiben bestehen.
Nicht selten fällt in diesem Zusammenhang die Diagnose Reizdarmsyndrom.
Viele Menschen beginnen danach, mögliche Auslöser in der Ernährung zu suchen. Häufig gerät dabei ein Begriff schnell in den Mittelpunkt: Histamin.
Doch die Zusammenhänge sind meist deutlich komplexer.
Reizdarm und Histamin: der typische Weg vieler Betroffener
In der Praxis zeigt sich häufig ein ähnliches Muster.
Menschen mit wiederkehrenden Darmbeschwerden haben oft bereits mehrere medizinische Schritte hinter sich:
Untersuchung beim Gastroenterologen
Darmspiegelung (Koloskopie)
Ausschluss organischer Erkrankungen
Tests auf mögliche Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Da die Beschwerden weiterhin bestehen, wird manchmal zusätzlich die Diaminoxidase (DAO) im Blut bestimmt.
DAO ist ein Enzym, das Histamin abbauen kann. Liegt der Wert niedrig, wird daraus gelegentlich schnell die Diagnose Histaminintoleranz abgeleitet.
Doch dieser Zusammenhang ist deutlich komplexer.
Warum der DAO-Test keine eindeutige Diagnose erlaubt
Der DAO-Test misst die Aktivität eines Enzyms im Blut, das Histamin abbauen kann.
Was dabei häufig übersehen wird: Der gemessene Wert im Blut sagt nur begrenzt etwas darüber aus, wie Histamin im gesamten Körper verarbeitet wird.
Der DAO-Wert kann durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden, zum Beispiel durch
Entzündungen der Darmschleimhaut
Medikamente
hormonelle Veränderungen
akute Belastungen des Immunsystems
Außerdem ist DAO nur ein Teil des gesamten Histaminstoffwechsels.
Histamin wird nicht nur über Lebensmittel aufgenommen, sondern auch im Körper selbst gebildet und freigesetzt.
Mastzellen im Darm: eine oft übersehene Ursache
Eine wichtige Rolle spielen sogenannte Mastzellen.
Diese Immunzellen befinden sich unter anderem in der Darmschleimhaut und liegen häufig in unmittelbarer Nähe zu Nervenfasern.
Wenn Mastzellen aktiviert werden, setzen sie verschiedene Botenstoffe frei, darunter auch Histamin.
Im Darm kann dies dazu führen, dass Nerven empfindlicher reagieren. Typische Beschwerden können sein:
Bauchschmerzen
Blähungen
Durchfall
Druckgefühl im Bauch
Reaktionen auf unterschiedliche Lebensmittel
Das erklärt auch, warum viele Menschen mit Reizdarm berichten, dass sie scheinbar auf immer mehr Lebensmittel reagieren.
Histamin entsteht nicht nur durch Nahrung
Ein wichtiger Punkt wird häufig übersehen: Histamin stammt nicht ausschließlich aus Lebensmitteln.
Der Körper kann Histamin auch selbst freisetzen, vor allem über Mastzellen.
Mögliche Auslöser sind zum Beispiel:
chronischer Stress
Aktivierung des Nervensystems
entzündliche Prozesse im Darm
Veränderungen im Mikrobiom
Infektionen
hormonelle Einflüsse
In solchen Situationen kann Histamin verstärkt im Körper freigesetzt werden – unabhängig davon, was gerade gegessen wurde.
Lebensmittel wirken dann manchmal nur noch als zusätzlicher Auslöser.
Histaminabbau: mehr als nur DAO
Wenn über Histaminintoleranz gesprochen wird, liegt der Fokus meist auf einem Enzym: DAO (Diaminoxidase).
DAO wird vor allem im Darm gebildet und hilft dabei, Histamin aus Lebensmitteln abzubauen.
Doch sobald Histamin bereits im Körper vorhanden ist, übernimmt ein anderes System den Abbau.
Hier kommt das Enzym Histamin-N-Methyltransferase (HNMT) ins Spiel.
Die Rolle von HNMT und der Leber
HNMT ist vor allem im Gewebe und in der Leber aktiv und baut Histamin innerhalb der Zellen ab.
Während DAO hauptsächlich Histamin aus der Nahrung verarbeitet, ist HNMT dafür zuständig, Histamin im Körper selbst abzubauen.
Die Aktivität dieses Enzyms wird durch das HNMT-Gen beeinflusst.
Genetische Varianten können dazu führen, dass Histamin langsamer abgebaut wird. Dadurch kann sich Histamin im Gewebe stärker auswirken.
Das bedeutet nicht automatisch eine Erkrankung, erklärt jedoch, warum manche Menschen empfindlicher auf Histamin reagieren als andere.
Wenn Darmbakterien selbst Histamin produzieren
Ein weiterer wichtiger Faktor wird häufig übersehen:
Bestimmte Darmbakterien können selbst Histamin und andere biogene Amine bilden.
Diese Stoffe entstehen, wenn Bakterien Aminosäuren verstoffwechseln.
Wenn solche Mikroorganismen im Darm vermehrt auftreten, kann die Histaminbelastung im Körper steigen – unabhängig davon, wie histaminarm jemand isst.
Selbst bei einer sehr strengen Ernährung können deshalb weiterhin Symptome auftreten.
Fehlbesiedlungen im Darm
Bei vielen Menschen mit Reizdarm zeigt sich eine Veränderung des Darmmikrobioms.
Bestimmte Bakterien können dabei häufiger auftreten, zum Beispiel
Klebsiella-Arten
Escherichia coli
andere Vertreter der Enterobacteriaceae
Einige dieser Mikroorganismen können Aminosäuren in biogene Amine umwandeln, darunter auch Histamin.
Diese Stoffe können die Darmschleimhaut reizen und gleichzeitig Mastzellen aktivieren.
Die Symptome können dann sehr stark an eine klassische Histaminintoleranz erinnern.
Wenn die Abbaukapazität überlastet ist
Histaminprobleme entstehen häufig dann, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen:
erhöhte Histaminfreisetzung durch Mastzellen
reduzierte Abbaukapazität
mikrobielle Fehlbesiedlung im Darm
Belastungen des Nervensystems
Veränderungen im Mikrobiom
In solchen Situationen kann das Gleichgewicht im Histaminstoffwechsel gestört sein.
Die Folge sind Beschwerden, die nicht immer eindeutig auf bestimmte Lebensmittel zurückzuführen sind.
Die Darm-Hirn-Achse: der Einfluss des Nervensystems
Der Darm ist eng mit dem Nervensystem verbunden. Diese Verbindung wird als Darm-Hirn-Achse bezeichnet.
Stress oder dauerhafte Anspannung können direkte Auswirkungen auf den Darm haben.
Mögliche Folgen sind:
erhöhte Schmerzempfindlichkeit im Darm
Veränderungen der Darmbewegung
Aktivierung von Mastzellen
Veränderungen im Mikrobiom
Viele Menschen mit Reizdarm erleben deshalb, dass ihre Beschwerden in stressreichen Phasen deutlich stärker werden.
Fazit
Viele Menschen mit Reizdarm vermuten hinter ihren Beschwerden eine reine Lebensmittelunverträglichkeit.
Histamin kann dabei tatsächlich eine Rolle spielen. Die Zusammenhänge sind jedoch häufig komplexer.
Histaminprobleme entstehen oft durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren:
Ernährung
Mastzellaktivität
individuelle Histaminabbaurate
Darmmikrobiom
Nervensystem
Wer sich ausschließlich auf das Vermeiden bestimmter Lebensmittel konzentriert, übersieht möglicherweise einen wichtigen Teil des Gesamtbildes.
Ein ganzheitlicher Blick auf Darm, Immunsystem und Nervensystem kann helfen, die Ursachen von Beschwerden besser zu verstehen.